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Ist wieder eine Wissenschaft zum Spielball der Mächte und Gewalten geworden?

Hat die Ingenieurwissenschaft Informatik auf breiter Front versagt?

ethz.chAls ich mich im Jahr 1977 entschieden hatte, das Studium der Biochemie an der Universität Fribourg aufzugeben und Informatik (Computer Science) zu studieren, war ich voll Enthusiasmus, nicht zuletzt inspiriert von der damaligen Flut von Science Fiction Romanen. Doch als ich dafür eine Ausbildungsstätte suchte, wurde ich etwas überrascht, dass es noch keine einzige Schweizer Universität oder Technische Hochschule gab, die ein solches Studium anbot. In der Schweiz gab es jedoch an einer HTL ein Sonderstudium oder ein Fachstudium für Informatik, am Neu-Technikum Buchs SG, welches eine seltsame Trägerschaft hatte, nämlich das deutsche Bundesland Baden-Württemberg, das österreichische Bundesland Vorarlberg, das Fürstentum Liechtenstein und die Schweizer Kantone St. Gallen und Graubünden. Erstaunlich war auch, dass das damalige Schweizer Bundesamt für Industrie, Gewerbe und Arbeit (BIGA) für den Titel «Bachelor of Computer Science» noch die (eidgenössische) Matura voraussetzte.

Damals, also vor rund 40 Jahren, waren wir Absolventen noch «etwas» stolz, diesen Bachelor-Titel zu holen, wenn es auch nur für ein paar Jahrgänge dauern sollte. Denn das Studium wurde 1980 sistiert, als die ETH Zürich und andere das Informatikstudium lancierten. Aber in dieser Übergangszeit kamen wir uns etwas wie Pioniere vor, mussten (oder konnten) wir doch viele Tools wie Texteditor oder Compiler (Pascal-Parser) selber programmieren. Neben Assembler, Fortran, PL/1 und anderen Exoten gab es gerade mal Programmiersprachen der dritten Generation wie Pascal, und die Betriebssysteme (Unix) waren noch kaum windowsfähig. Wir hatten ein Bewusstsein, der Menschheit zu Diensten zu sein und uns für einen gewissen Fortschritt einsetzen zu können.

https://www.ntb.ch
NTB Interstaatliche Hochschule für Technik Buchs

Es ist hier aber nicht meine Absicht, eine chronologische Abfolge von historischen Ereignissen in den vergangenen rund 40 Jahren aufzulisten, sondern ich möchte hier vielmehr versuchen darzulegen, neben all den vielen Freuden und Erfolgen, jetzt eine tiefergehende Tragödie in der Informatik zum Ausdruck zu bringen, umso mehr, wenn sie vielleicht nicht nur subjektiver Natur zu sein scheint, aber natürlich ohne die vielfältigen Verdienste dieser relativ jungen Ingenieurwissenschaft für die Menschheit zu vergessen. Ja, in all den Jahren sprach man gewiss immer auch von der sogenannten Softwarekrise, welche jedem, der mal Software entwickelt hat, ein Dorn im Auge war oder noch ist. Ja, die Tragödie, die ich hier meine, ist die, dass die Digitalisierung nicht nur ungeahnte Fortschritte brachte, die heutzutage jedem vielfach bekannt sind und über die ich hier wegen der Komplexität gar nicht reden will, sondern dass sie auch ungeahnte Vereinfachungen in den (teilweise noch) gesetzlosen Überwachungsmöglichkeiten brachte, die, wenn sie in falsche Hände geraten, erst mal ein paar Jahre gar nicht an die Oberfläche gelangen, dann aber schubweise emporkommen. Einer dieser Emporkömmlinge wird nun sichtbar mit der Tatsache, dass die NSA und Co. nicht nur Computer (gross und klein), jegliche Netzwerke, Telefone (fest und mobil), Fax, eMail, Funk-, Satelliten- und andere Kommunikationssysteme nun auch, allen Bemühungen zum Trotz, die Verschlüsselungstechnik im Griff haben.

Ist das eine Überraschung? Nein, meines Wissens nicht. Es wurde nur jahrelang, vielleicht sogar Jahrzehnte unter Verschluss gehalten oder man konnte es nicht beweisen. Wir, damit meine ich die Menschheit, wissen doch schon lange, dass gewisse Staaten Zugang über Hintertüren haben, den sie gewaltsam erzwungen haben (siehe Phil Zimmermann mit PGP) und es ihnen erlaubt, gängige Verschlüsselungsmethoden wie SSL/TLS und SSH sowie ihre Verschlüsselungsalgorithmen zu «knacken». Wer’s nicht glauben will, soll sich nur ein bisschen umsehen im «Handbook of Applied Cryptography», Menezes, van Oorschot, Vanstone, CRC Press. Na dann viel Spass!

Aber was mich am meisten enttäuscht, ist nicht, dass man nicht nur die Möglichkeiten breiten Kreisen verschwiegen hat, sondern dass die an sich nützliche Ingenieurwissenschaft Informatik (wie etwa auch Medizin, Biochemie und Philosophie) nun auch immer mehr missbraucht wird, um diese unethischen Machenschaften zu tun. Das ist es: Unethische Machenschaften! Wenn dem Staat scheinbar alles erlaubt ist, und Mehrheiten irgendwelche Gesetze, sogar wie blind gegen sich selbst, erlassen können, die eben diese Mehrheiten auch wollen, auch wenn sie nicht ethisch sind (z.B. Abtreibung), ist denn da nicht kausal eine entsprechende Schlussfolgerung möglich, dass die Menschheit, wenn sie nicht aufpasst (mit ihren sogenannten demokratischen «Prinzipien»), sich selbst ein Schnippchen schlägt und gar die Menschenrechte wieder abschafft?

Konrad Zuse
Interview mit Konrad Zuse in Zeitschrift OUTPUT Nr. 1/1992

Doch wie sagte es der Erfinder des Computers, Konrad Zuse 1992 in einem meiner Interviews, das ich mit ihm anlässlich der Verleihung des sechsten Ehrendoktortitels an der ETH Zürich führen durfte:

«Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen»

Goethe’s Faust: Der Tragödie zweiter Teil

Weitere Hinweise und Quellen

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