Bild: Louis A. Venetz

Wir feiern Weihnachten – Teil 2

Weihnachten – Teil 2 einer Betrachtung von Karl Rahner

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Em. Papst Benedikt XVI. (Josef Ratzinger) im Gespräch mit dem Theologen Karl Rahner, SJ

Der grosse Theologe und spirituelle Lehrer Karl Rahner hat wie kaum ein anderer in immer neuen Anläufen und neuen Perspektiven die Frage zur Sprache gebracht, wie wir Gott erfahren können. Und unermüdlich hat er betont, dass jeder Mensch grundsätzlich für eine solche Erfahrung offen ist, denn er lebt „mit den Sandkörnern des Strandes beschäftigt, am Rand des unendlichen Meeres des Geheimnisses …“. Seine Reden und Betrachtungen nehmen den Hörer und den Leser mit auf den Weg zu Knotenpunkten menschlicher Existenznicht Neues wie Liebe, Einsamkeit und Tod und regen an, in diesen Erfahrungen alltäglicher Existenz leise, aber unausweichlich die Anwesenheit des geheimnisvollen Gottes zu erfahren und zu erspüren. Wollen Sie beim Lesen der weihnachtlichen Betrachtung (Teil 2) auch MP3-Audio des Vortrags mithören?

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Wer sich weigert, das Unbegreifliche als das Lichte anzunehmen, dem ist mit diesem Wort nicht geholfen. Doch der Christ glaubt und hofft, dass viele Menschen mit dem rettenden Herzen die Unbegreiflichkeit Gottes eingesenkt in ihr Dasein und so den Gottmenschen annehmen, deren räsonierender Kopf meint, solche Worte der lösenden Deutung des Daseins nur als unverständliche Worte hören zu können oder deren in der Qual des Daseins rebellierende Nerven noch nicht die Möglichkeit haben, gelassen und gelöst die Botschaft von Weihnachten zu hören. Wir Christen sind auch da zuversichtlich: Für viele wird die lösende Nacht des Todes oder sonst ein unberufener Augenblick der Sammlung des Daseins zu einer Weihnacht werden, in der die Gereiztheit unserer Leiblichkeit gelöst ist, der räsonierende Kopf die grössere Weisheit des Herzens annimmt und der so geeinte Mensch willig sich in seine Unbegreiflichkeit und Unverfügbarkeit hineingibt und darin den namenlos annimmt, den wir Christen Jesus nennen. Denn viele haben schon den, der Gott und Mensch ist, als den schweigenden Gott in den armen Stall ihres Daseins eingelassen, ohne es zu wissen und der Glanz, der einzog, hat ihre Augen eben erst hell gemacht, als sie sich im Tode schlossen.

Gott ist gekommen, er ist da und darum ist alles anders als wir meinen. Die Zeit ist aus dem ewigen Weiterfliessen verwandelt in ein Geschehen, das mit lautloser, eindeutiger Zielstrebigkeit auf ein ganz bestimmtes Ende hinführt, darin wir und die Welt vor dem entschleierten Antlitz Gottes stehen werden. Wenn wir sagen: es ist Weihnacht, dann sagen wir: Gott hat sein letztes, sein tiefstes, sein schönstes Wort im fleischgewordenen Wort in die Welt hineingesagt, ein Wort, das nicht mehr rückgängig gemacht werden kann, weil es Gottes endgültige Tat, weil es Gott selbst in der Welt ist. Und dieses Wort heisst: Ich liebe dich, du Welt und du Mensch! Das ist ein ganz unerwartetes Wort, ein ganz unwahrscheinliches Wort, denn wie kann man dieses Wort sagen, wenn man den Menschen und die Welt und beider grauenvolle und leere Abgründe kennt. Gott aber kennt sie besser als wir und er hat dieses Wort doch gesagt, indem er selbst als Kreatur geboren wurde. Dieses fleischgewordene Wort der Liebe sagt, dass es eine Gemeinschaft Aug in Aug, Herz zu Herz, zwischen dem ewigen Gott und uns geben soll, ja dass sie schon da ist. Wir können uns höchstens noch wehren gegen den Kuss der Liebe, der schon auf unserem Munde brennt. Dieses Wort hat Gott in der Geburt seines Sohnes gesagt. Und jetzt ist nur mehr eine kleine Weile, eine lautlose Stille in der Welt und aller Lärm, den man stolz die Weltgeschichte oder das eigene Leben nennt, ist nur die List der ewigen Liebe, die eine freie Antwort des Menschen ermöglichen will auf ihr letztes Wort. Und in diesem langen kurzen Augenblick des Schweigens Gottes, der die Geschichte Post christum natum heisst soll der Mensch in dieser Welt noch einmal zu Wort kommen und er soll im Beben seines von der Liebe Gottes zitternden Herzens Gott, der als Mensch im schweigenden Warten neben ihm steht, sagen: Ich – nein er soll ihm nichts sagen, sondern schweigend sich der Liebe Gottes ergeben, die da ist, weil der Sohn geboren ist. Weihnacht sagt: Gott ist zu uns gekommen, so gekommen, dass er nur mehr mit der Welt und uns zusammen heimkann in seinen eigenen schrecklich herrlichen Glanz. Alles hat sich durch die Geburt des Kindes schon gewandelt. Alles drängt von der Herzmitte der Wirklichkeit, die das fleischgewordene Wort ist, schon mit der Unerbittlichkeit der Liebe hin vor das Antlitz Gottes, ohne dass dort vor seinem brennenden Feuer aus Heiligkeit und Gerechtigkeit die Welt zu Nichts verbrennen müsste. Alle Zeit ist schon umfasst von der Ewigkeit, die selbst Zeit wurde. Alle Tränen sind im Innersten schon versiegt, weil Gott selbst sie mitgeweint hat und schon aus seinen eigenen Augen wischte. Alle Hoffnung ist eigentlich schon Besitz, weil Gott schon von der Welt besessen ist. Die Nacht der Welt ist schon hell geworden. Unser eigensinniger Trotz und die Schwachheit unseres Herzens, die Gott nicht grösser sein lassen wollen als unser Herz und darum ihn nicht so klein haben wollen, wie ein kleines Kind, das geboren wird und in einer Krippe liegt. Unser Herz will nicht zugeben, dass die Mitternacht schon vorüber ist und der Tag ohne Abend schon die Nacht durchdringt. Alle Bitterkeit ist nur die Mahnung, dass noch nicht offenbar geworden ist, dass schon die eine Weltweihnacht angebrochen ist und alles Glück dieser Erde ist nur die geheime Bestätigung, die sich selbst weiss, nicht begreift, dass schon Weihnachten ist. Das Weihnachtsfest ist daher nicht Poesie und Kinderromantik, sondern das Bekenntnis und der Glaube, der den Menschen allein rechtfertigt, dass Gott aufgestanden ist und sein letztes Wort im Drama der Geschichte schon gesprochen hat, mag die Welt noch so viel reden und schreien. Weihnachtsfeier kann nur das Echo jenes Wortes in der tiefe unseres Wesens sein, indem wir ein glaubendes Amen zum Wort Gottes sprechen, das von der weiten Ewigkeit Gottes in die Enge dieser Welt gekommen ist und doch nicht aufgehört hat, das Wort der Wahrheit Gottes, das Wort seiner seligen Liebe zu sein. Wenn nicht bloss Kerzenschimmer, Kinderfreude und Tannenduft, sondern das Herz selbst das Jawort zum kindlichen Liebeswort Gottes spricht, dann geschieht wirklich Weihnachten, nicht nur in der Stimmung, sondern in der lautersten Wahrheit. Denn dieses Jawort ist dann wahrhaftig getragen von Gottes heiliger Gnade, Gottes Wort wird dann auch in unserem Herzen geboren, wie die alten Meister sagten. Gott selbst zieht dann in unseren Herzen ein, so wie er in Bethlehem in die Welt einzog, so wahr und so wirklich, noch mehr als bisher, noch inniger als bisher. Dann machen wir wirklich die Türen unseres Herzens auf und hoch und weit und es kommt in sein Eigentum Gott, so wie er in der ersten Weihnacht in das Eigentum seiner Allmacht kam, das die Welt ist. Dann aber sagt er uns, was er schon durch seine gnadenvolle Geburt der Welt im Ganzen gesagt hat: Ich bin da. Ich bin bei dir. Ich bin dein Leben. Ich bin deine Zeit. Ich bin die Düsterkeit deines Alltages, warum willst du sie nicht tragen? Ich weine deine Tränen, weine deine mir, mein Kind. Ich bin deine Freude, fürchte nicht froh zu sein, denn seit ich geweint habe, ist die Freude die wirklichkeitsgemässere, die realistischere Lebenshaltung als die Angst und die Trauer derer, die meinen, keine Hoffnung zu haben. Ich bin die Auswegslosigkeit deiner Wege, denn wo du nicht mehr weiter weißt, da bist du, törichtes Kind, schon bei mir angelangt und merkst es nicht. Ich bin in deiner Angst, denn ich habe sie mitgelitten und ich war auch nicht nach weltlicher Weise heroisch dabei. Ich bin in dem Kerker deiner Endlichkeit, denn meine Liebe hat mich zu deinem Gefangenen gemacht. Wenn die Rechnung deiner Gedanken und deiner Lebenserfahrungen nicht aufgeht – siehe ich bin der ungelöste Rest und ich weiss, dass dieser Rest, der dich zur Verzweiflung bringen will, in Wahrheit meine Liebe ist, die du noch nicht begreifst. Ich bin in deiner Not, denn ich habe sie erlitten und sie ist jetzt verwandelt aber nicht ausgetilgt aus meinem menschlichen Herzen. Ich bin in deinen tiefsten Abstürzen, denn ich habe heute angefangen, abzusteigen zu der Hölle. Ich bin in deinem Tod, denn heute begann ich mit dir zu sterben, da ich geboren wurde und ich habe mir von diesem Tod wahrhaftig nichts schenken lassen. Bemitleide nicht die, die geboren werden, wie es Job tat, denn alle, die mein Heil annehmen, sind in der heiligen Nacht geboren, weil meine Weihnacht alle eure Tage und Nächte umschliesst. Ich habe mich selbst, wirklich ganz selbst und ganz persönlich auf das fürchterliche Abenteuer eingelassen, das mit eurer Geburt beginnt. Ich sage euch, meines war nicht leichter und gefahrloser als eures. Ich versichere euch, es hat einen seligen Ausgang. Seit ich euer Bruder wurde, seid ihr mir so nahe, wie ich mir selber bin. Wenn also ich als Geschöpf in mir und in euch, meinen Brüdern und Schwestern, beweisen will, dass ich als Schöpfer mit den Menschen keinen hoffnungslosen Versuch gemacht habe, wer wird euch dann meiner Hand entreissen. Ich habe euch angenommen, als ich mein Menschenleben auf mich nahm. Als Euresgleichen als neuer Anfang habe ich in meinen Untergängen gesiegt. Wenn ihr die Zukunft nach euch allein beurteilt, könnt ihr nicht pessimistisch genug sein. Aber vergesst nicht: eure wahre Zukunft ist meine Gegenwart, die heute begonnen hat und nie mehr Vergangenheit wird, darum ist es doch realistischer gedacht, wenn ihr euch an meinen Optimismus haltet, der nicht Utopie, sondern die Wirklichkeit Gottes ist, die ganze Wirklichkeit Gottes, die ich das unbegreifliche Wunder meiner allmächtigen Liebe, unversehrt und ganz in dem kalten Stall eurer Welt untergebracht habe. Ich bin da. Ich gehe nicht mehr von dieser Welt weg, wenn ihr mich jetzt auch nicht seht. Wenn du, armer Mensch, Weihnachten feierst, dann sag zu allem, was da ist und was du bist, nur das eine, sag es mir: Du bist da, du bist gekommen, du bist in alles gekommen, selbst in meine Seele, selbst hinter den Trotz meiner Bosheit, die sich nicht verzeihen lassen will. Mensch, sag nur das eine, dann ist auch für dich Weihnachten, sag nur: Du bist da! Nein, sag nichts. Ich bin da und meine Liebe ist seitdem unbesieglich. Ich bin da. Es ist Weihnachten. Zündet die Kerzen an, sie haben mehr Recht als alle Finsternis. Es ist Weihnacht – sie bleibt in Ewigkeit.

Weitere Hinweise und Quellen